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3* RIDE, Langzeitbericht Ukraine

3-Sterne Ride Ukraine

Mein Wecker klingelt. Heute ist der große Tag! 10 Stunden Fahrt plus Pausen und Grenze und 950 Km trennen mich und meinen besten Ranger-Freund noch von dem großen Abenteuer, auf das wir so lange gewartet haben! Das Ziel: Mukachevo in der Ukraine. Das Fahrzeug: Ein VW-Bus mit großem Ranger-Stern auf der Motorhaube. Nach und nach kommen auch die anderen Mitfahrer am Treffpunkt in Deggendorf an. Die alten Hasen haben wir schon im WhatsApp-Call kennen gelernt, aber nun stehen sie tatsächlich vor uns. „Na, alles fit bei euch?“, fragt der RIDE-Leiter Johannes, der schon von Kind an dabei ist. „Klar“, versuche

ich möglichst lässig zu antworten, „bin aber tierisch aufgeregt!“. Die Aufregung ist mir dabei auch deutlich anzumerken. Michaela lächelt: „So geht es jedem bei der ersten Fahrt. Reisepass dabei? Wäre nicht das erste Mal, dass ihn jemand vergisst.“ Levi grinst. Hastig krame ich den nagelneuen Pass aus der Tasche und halte ihn zum Beweis vor. Noch nie zuvor war ich in einem Land außerhalb der EU, daher musste ich den Pass extra für diese Fahrt beantragen.

„Wie viele RIDEs habt ihr denn schon gemacht?“ fragt mein Kumpel nun Michaela. „Rides machen wir erst seit 2009, es begann allerdings schon 2005, also vor über 20 Jahren, noch ganz ohne die Ranger. Ich hatte ein Au-Pair-Mädchen aus Mukachevo bei mir und habe sie zurück in die Ukraine gefahren. Als ihre Hauskreisleiterin mir von den Heim- und Straßenkindern berichtete, brach es mir fast das Herz. Ich konnte nicht einfach wieder in den Alltag zurück, nein: Ich wollte etwas tun! So betete ich ‚Gott – ich bin bereit, sag mir was ich tun kann!‘ Gott hat durch dieses Gebet nicht nur mein Leben verändert, sondern auch die Leben vieler junger Menschen wie euch. Mittlerweile bin ich die Strecke schon mehr als 60 Mal gefahren um dort zu helfen.“

Diese Worte machen mich sehr nachdenklich. Als wir uns schließlich nach einer Gebetsrunde von unseren Eltern verabschiedet hatten und in die Autos stiegen, wollte ich wissen, wie es damals weiter ging. Nun erzählte Astrid von den Anfängen.

„Bei dem ersten RIDE 2009 waren nur 6 Erwachsene und 3 Kinder dabei. Mit insgesamt 1.300€ haben wir vor Ort 30 Päckchen gepackt und in Hausbesuchen an die Kinder verteilt. Zum Vergleich: Dieses Jahr (2025) bringen wir selbst über 600 Päckchen mit, packen vor Ort 450 Lebensmitteltüten und unterstützen unsere Projektpartner vor Ort mit mehreren zehntausend Euros. Vieles davon sind Spenden, die über unseren Verein CHHD e.V. reinkommen. CHHD bedeutet ‚Christliches Hilfswerk Hoffnungsbringer Deggendorf‘. Der Name ist auch Programm, wir ermutigen die Menschen vor Ort und geben ihnen neue Hoffnung. Wir reden hier über ein Netzwerk von mehreren Gemeinden, Kinder-, Senioren- und Obdachlosenheimen, Programmen für Flüchtlinge, Kriegswaisen, Kriegsversehrte Soldaten, Sinti und Roma und einigem mehr. Dieses Netzwerk ist über die Jahre stetig gewachsen. Die Gemeinde, in der wir untergebracht sind, betreibt z.B. eine Suppenküche die wir maßgeblich mit Spendengeldern finanziert haben und kocht täglich für Obdachlose. Außerdem haben sie eine Kleiderkammer, die wir durch Kleiderspenden aus Deutschland mit Nachschub versorgen. Die Pastoren der Mukachewoer Gemeinde fahren sogar persönlich in die Gebiete an der Kriegsfront, um die Menschen mit Dingen zu versorgen, die sie dringend brauchen.“ Johannes fügte hinzu: „Ohne Netzwerke geht es auch nicht. Wir haben selbst so viele Menschen im Hintergrund, die die Aktion unterstützen. Jeder der Päckchen packt, die Teams, die jedes einzelne Päckchen kontrollieren, Leute, die Spenden sammeln und ganz viele Beter. Schau mal in die WhatsApp-Unterstützer-Gruppe, ich glaube wir haben da über 370 Leute, die auf unsere täglichen Berichte während des RIDEs warten! Dieses Netzwerk macht es uns möglich, so viel zu erreichen.“
Michaela fiel ihrem Sohn nun fast ins Wort: „Ja, ja! Dieser Rückhalt ist jede Minute zu spüren! Die Gebete halten uns echt den Rücken frei, damit wir ohne Luftalarme, ohne Stromausfälle, ohne Krankheiten und ohne Grenzschikanen arbeiten können. Das ist ein unschätzbarer Dienst.“

Nun war es mein Freund, der eine sehr gute Frage stellte: „Stromausfälle und Luftalarme gab es ja vor dem Krieg sicher nicht, oder? Wie hat sich denn die Ukraine in den vielen Jahren verändert?“ Wieder antwortete Michaela: „Es gab vier einschneidende Ereignisse. Zuerst riss 2008 die Finanzkrise viele Ukrainer in ein Loch, wobei diejenigen, die Christus als Fundament hatten, nicht lange darin festhingen. Ich habe miterlebt, dass die Menschen, die Hilfe bekamen bald darauf selbst zu Helfern wurden, sich in Hauskreisen, Hilfsorganisationen und Gemeinden einbrachten. Als 2014 im Donbass und auf der Krim kriegsähnliche Zustände herrschten, kam die erste Flüchtlingswelle in Mukachevo an. Wir hörten bewegende Zeugnisse von vielen Christen und Nichtchristen, die gar nicht fassen konnten, dass sie so freundlich und liebevoll empfangen werden. Wir wurden Zeugen, wie sehr sie von der russischen Propaganda infiltriert waren. Krasse Fluchtberichte, Familien, die gerade vorher noch gingen, weil Gott sie durch eine Prophetie dazu aufgefordert hatte und daneben Menschen, die bereits damals erzählten, dass sie von heute auf morgen alles verloren hatten. Die Corona-Zeit war das dritte größere Ereignis, unter dem natürlich auch die Ukraine litt. 2020-2021 gab es dadurch auch leider keinen RIDE, da alle hinterher wochenlang in Quarantäne gemusst hätten. Der Hammer war dann natürlich der Kriegsbeginn. Schon wenige Tage nach dem 24.02.2022 gab es große Spendenaufrufe und Hilfstransporte setzten sich in Bewegung. Da Mukachevo sehr weit im Westen der Ukraine liegt, wurde es zum Zielort vieler Binnen-Flüchtlinge, die Einwohnerzahl hat sich drastisch erhöht.“

Wir redeten noch eine Weile weiter, dabei wird mir bewusst, dass die armen, alten, einsamen, kranken, geflüchteten Menschen, denen wir begegnen werden, in Gottes Augen kein bisschen weniger wert sind als wir im reichen Deutschland. Das gilt natürlich auch für die vielen anderen RIDE-Teams, die gleichzeitig zu Zielen in Osteuropa unterwegs sind. Litauen, Mazedonien, Ungarn, Rumänien und auch andere Ziele in der Ukraine werden von Rangern angesteuert, die dort – genau wie wir – bedürftigen Menschen begegnen werden. Dieses Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, ist unbeschreiblich. Jedes RIDE-Team ist also quasi eine Speerspitze der Aktion, es sind diejenigen, die ihre Freizeit opfern um Augen zum Strahlen zu bringen, Jung und Alt zu ermutigen, Hoffnung und Trost zu spenden, etwas vom Leben zu teilen und den Menschen zu zeigen, dass wir an sie denken. Gott sieht jedes Zahnrad in dieser Aktion, jeden Unterstützer und natürlich auch unsere Teams und gibt seinen Segen dazu.

Nach einigen wenigen Zwischenstopps kommen wir schließlich an der Grenze an. Hier erfahre ich, dass der Rekord bei lediglich 20 Minuten liegt, es aber durchaus passieren kann, dass die Überquerung 5 Stunden oder länger in Anspruch nimmt (die 1h Zeitunterschied nicht mitgerechnet). Über unsere WhatsApp-Gruppe wird uns mitgeteilt, dass der Konvoi aus Dresden mit zwei T4-Bussen und Anhänger es über einen anderen Grenzübergang bereits in die Ukraine geschafft hat. Diese Ranger werden wir jedoch erst zum Frühstück zu Gesicht bekommen: Sie schlafen bereits tief und fest, als wir 4 Uhr nachts (nur eine Stunde nach ihnen) in Mukachevo eintreffen.

Wenige Stunden Schlaf später sind wir nun vollzählig am Frühstückstisch versammelt. Wir haben nicht viel Zeit, da bereits in 90 Minuten ein Programmpunkt auf uns wartet, für den 100 gefüllte Lebensmitteltüten vorbereitet sein sollen. Somit laufen wir immer zu zweit um den vorbereiteten Stapel Lebensmittel, wobei einer die Tüte offenhält und der jeweilige Partner die Lebensmittel in die Tüte legt: Mehl, Öl, Zucker, Nudeln, Reis, Konserven, Wurst, Kekse, Mayonnaise und Kondensmilch. Später werde ich eine noch effizientere Methode kennen lernen, aber für jetzt genügt es. Die Tüten werden ruck-zuck in den großen Gemeindesaal hochgetragen, wo sich nach und nach bereits einige weißhaarige Besucher einfinden. „Jetzt machen wir ein Senioren-Programm, wir stellen uns vor, singen zwei Lieder, lassen unsere Übersetzerin eine Geschichte vorlesen, schließen eine kurze Andacht an und bieten Gebet an. Wer kein Gebet wünscht oder schon damit fertig ist, bekommt eine Tüte und kann gehen.“, erklärt Johannes kurz den Ablauf.

Das Programm läuft reibungslos ab. Im Anschluss haben wir etwas mehr Zeit, uns kennen zu lernen und mehr über den RIDE zu erfahren. Besonders die Spontanität ist wichtig, da vieles nicht bis ins letzte Detail planbar ist. Ob wir das Programm auf Deutsch oder Englisch machen müssen, erfahren wir im Zweifelsfall erst wenn der Dolmetscher vor uns steht. Wichtig ist auch, hier kein Leitungswasser zu trinken, da es ernsthafte Magenverstimmungen zur Folge haben kann. Auch gewöhnungsbedürftig: Das benutzte Klopapier muss in einen Eimer neben der Toilette geworfen werden, da es sonst die Rohre verstopfen könnte. Die Straßenverhältnisse habe ich ja schon kennen gelernt, wobei die Nebenstraßen noch deutlich schlechter sein sollen. Auch vor dem Krieg waren die Wasser- und Stromversorgung ab und an gestört, wie Astrid mir noch erklärte.

Nun da wir auch die Dresdner Ranger hier haben, konnte ich noch mehr Highlights erfragen. Addy erinnerte sich an eine Begebenheit, wo sein Team bei einem Hausbesuch von einer sehr alten Frau mit Freudentränen im Gesicht empfangen wurde und sie mit großer Erleichterung die Worte sprach „Ich bin noch nicht vergessen!“. Dabei strahlte sie aus jeder Falte ihres Gesichts. Generell findet er die Dankbarkeit bemerkenswert, mit der die Ranger überall empfangen werden. Eine andere wichtige Erkenntnis ist, dass wir jederzeit zurück in unser sicheres Deutschland können, die Menschen hier aber permanent mit der Gefahr von Luftangriffen leben müssen. Auch dass wir nach der Rückkehr unseren Wohlstand plötzlich nicht mehr als selbstverständlich ansehen werden, machte mich nachdenklich. Und noch etwas: Die Päckchen enthalten zwar viele schöne Sachen, doch wenn sie von den Kindern geöffnet werden, strömt außerdem auch noch eine Menge Segen heraus, den Gott noch mit dazu packt!

Addys größtes Highlight war eine Päckchenvermehrung: Es waren genau 25 Päckchen für einen Einsatz abgezählt, zu dem das Team ca. 45 min fahren musste. Nachschub holen also nicht möglich. Es kamen jedoch viel mehr Kinder zum Programm als Päckchen da waren. Nach dem Programm wurden die Päckchen verteilt, die kleineren Kinder zuerst, da ja die größeren eher verstehen würden, dass die von der Gemeinde bestellte Anzahl zu gering war. Letztendlich hatte aber am Ende jedes Kind ein Päckchen und es waren sogar noch 5 übrig. Die Beweisfotos, auf dem alle Kinder ihre Päckchen in die Höhe hielten, zeigen 35 Päckchen, wobei etliche Kinder (ebenfalls mit Päckchen) noch von einer massiven Säule verdeckt sind. Hier wurde Gott also auf frischer Tat ertappt!

Die Zeit vergeht wie im Flug. Wir begegnen genau den Menschen, von denen ich bereits zuvor erfahren hatte. Kinder, Senioren, Flüchtlingen, Pflegefamilien, Soldaten, Kriegswaisen… Der Grund, weshalb ich mich auf den Weg machte, wurde voll erfüllt: Nicht nur Kinderaugen, sondern alle Augen zum Strahlen bringen. Auch für eine andere Teilnehmerin war genau das vor einigen Jahren der Grund, sich anzumelden. Für sie gibt es kaum etwas Schöneres, als das Leuchten in den Augen der Kinder, wenn man sich Zeit nimmt mit ihnen zu singen, zu spielen und natürlich auch Geschenke zu verteilen. „Letztendlich sind wir oft am Ende mindestens genauso beschenkt wie die Menschen, denen wir begegnen.“, meint sie zu mir, „Wir sind beschenkt mit neuen Freunden, dem guten Gefühl, Hoffnung gebracht zu haben, mit liebevoll selbstgemalten Dankeskarten ukrainischer Kinder und Liedern, die Senioren für uns anstimmten, als unser Programm vorbei war. Auch ein Highlight: Der fremde Mann in der Pizzeria, der uns allen einfach so Getränke spendiert hat.“

An einem Tag hatten wir nach dem Programm gemeinsames Gebet angeboten. Nach einem dieser Gebete umarmte ich die Frau zum Abschied und merkte plötzlich, dass sie in meinem Arm in Tränen ausgebrochen war. Sie erzählte mir von ihrem Mann und ihren zwei Söhnen an der Front und wie sehr sie es vermisste von ihnen in den Arm genommen zu werden. Eine Weile umarmten wir uns und weinten gemeinsam. Als wir uns schließlich doch voneinander verabschiedeten, umgab uns ein Gefühl tiefer Verbundenheit, dass ich noch lange nicht vergessen werde. Manchmal sind es eben auch die Tränen, die wir teilen, die einen entscheidenden Unterschied machen.

In einem der Gottesdienste begegnete uns ein Mann, der als kleines Kind selbst einmal bei einem unserer Programme war. Er erzählte uns, dass er sich noch heute an dieses Weihnachtsfest erinnern kann.

Auf so einem RIDE können aber auch ganz witzige Situationen entstehen. Zum Beispiel, wenn man an der Grenze durch einen Zufall erfährt, dass einer der Grenzer Geburtstag hat und dann die komplette RIDE-Gruppe ein Geburtstagslied für ihn singt. Oder wenn man Geld wechseln geht und plötzlich eine Plastiktüte mit ca. 348500 UAH (Ukrainische Hrywna, gesprochen „Griwni“) in kleinen Scheinen in der Hand hält.

Selbst das Packen von ca. 450 Lebensmitteltüten kann jedes Mal wieder neue Überraschungen bieten. Als wir einmal am Großmarkt etwa 3,5 Tonnen vorbestellte Lebensmittel abholten, bemerkten wir, dass alle Paletten, die für uns bestimmt waren mit „pomotsch bog“ beschriftet waren, was man mit „Gottes Hilfe“ übersetzen könnte…

Dieses Horizont-Heft würde nicht ausreichen, um alle Erlebnisse aufzuschreiben, die wir in unseren Herzen tragen. Vielleicht ist das schon bald DEINE Geschichte? Egal ob du erst 6 oder schon 100 Jahre alt bist – Auch du kannst unterstützen, indem du zum Beispiel einfach von der Aktion erzählst, betest, Päckchen packst oder finanziell unterstützt. Vielleicht treffen wir uns sogar eines Tages auf einem Strahlende-Augen-RIDE von dem du eigene Erlebnisse mit nach Hause nehmen kannst? So oder so – ein RIDE ist eine ideale Gelegenheit, sich gesellschaftlich zu engagieren.

Beste Grüße – Euer RIDE-Team 2025/2026